Ein Blick in die Forschung
Während ihres Fellowships am Käte Hamburger Kolleg bearbeiten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ein selbstgewähltes Projekt mit Bezug zum Kollegthema. Manchmal steht in diesen Projekten eine einzige Quelle im Mittelpunkt, manchmal sind es hunderte, und nicht immer handelt es sich um klassisches historisches Quellenmaterial. Deswegen haben wir unsere Fellows gebeten, eine Quelle vorzustellen, die zentral für ihr Forschungsprojekt ist, die besondere Aussagekraft hat oder die sich einfach spannend wie ein Krimi liest – ihre absolute Lieblingsquelle sozusagen.
Diese veröffentlichen wir fortlaufend an den Adventswochenenden und lassen auf diese Weise das Jahr noch einmal Revue passieren.
Raquel Gil Montero
Projekt: Arbeiten unter kolonialer Herrschaft. Rechtliche Einheit und Pluralismus in Bolivien im siebzehnten Jahrhundert
Quelle: Padrón de Carangas, Numeración General de la Palata, Archivo General de la Nación Argentina, Sala XIII, 18-4-4

Meine Forschung konzentriert sich auf die Arbeitsbeziehungen im Bolivien des siebzehnten Jahrhunderts. Ich interessiere mich für die verschiedenen kolonialen Vorschriften, die die spanischen Eroberer der indigenen Bevölkerung auferlegten und die auf dem Konzept der Vasallität beruhten. Obwohl ich mit verschiedenen Quellen arbeite, ist meine Lieblingsquelle eine Art Volkszählung namens Visitation. Dabei handelt es sich um eine handschriftliche Quelle mit einem Umfang von 20.000 Seiten, in der die Gouverneure Informationen über die indigene Bevölkerung und manchmal auch über nicht-indigene Verwandte (afrikanische Sklaven, Spanier usw.) sammelten. Die Volkszählungen des 17. Jahrhunderts hatten weniger administrativen Charakter als die heutigen und richteten ihr Interesse eher auf persönliche Angelegenheiten.
Zwei Dinge sind an dieser Quelle interessant. Erstens können die gesammelten Informationen sehr vielseitig sein und manchmal sogar kurze Lebensgeschichten enthalten: Flucht, mehrfache Eheschließungen, die Kleidung, die die Befragten trugen, die Sprache, die sie sprachen, persönliche oder berufliche Konflikte. Zweitens bietet sie mir einen sehr breiten Kontext, in den ich die anderen, eher außergewöhnlichen Quellen einordnen kann. Wenn ich zum Beispiel ein Gerichtsprotokoll über einen Mann finde, der seine Frau vorübergehend „verkauft“ hat, um eine Schuld zu begleichen (was verboten war), kann ich anhand der Volkszählung feststellen, ob es viele ähnliche Fälle gab oder ob es sich wirklich um einen Einzelfall handelte.

Dr. Raquel Gil Montero ist Historikerin und forscht unter anderem zu Arbeitsbeziehungen, indigener Bevölkerung, Bergbau und der Sozialgeschichte der Anden. Sie war von April 2024 bis Juni 2024 und von März 2025 bis Mai 2025 Fellow des Käte Hamburger Kollegs.
Zitieren als:
Gil Montero, Raquel, Recht, Arbeit und Alltag unter kolonialer Herrschaft in Bolivien. Ein Blick in die Forschung, EViR Blog, 12.12.2025, https://www.evir.uni-muenster.blog/koloniale-herrschaft-in-bolivien/.
Lizenz:
This work is licensed under a Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International License.





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