Improtheater als Format der Wissenschaftskommunikation

Im Archiv der hiesigen Universität lagern zahlreiche Akten des akademischen Gerichts in Münster. Darunter befinden sich hunderte Fallakten der Jahre 1835 bis 1902 mit vielsagenden Titeln, die bereits einen ersten Eindruck der verhandelten Fälle vermitteln: Es handelt sich beispielsweise um Untersuchungen gegen Studierende „wegen Trunkenheit und Übertretung der Polizeistunde“ (1841), „wegen nächtlichen Unfugs“ (1855), „wegen nächtlichen Blumenpflückens auf dem Hörster Friedhof“ (1884) oder „wegen Auslöschens sämtlicher Laternen auf der Salzstraße“ (1885). Der größte Teil der verhandelten Sachverhalte betrifft Verstöße gegen die akademische Ordnung. Allerdings finden sich vereinzelt auch Fälle, in denen Studierende Mädchen oder Frauen belästigt oder Personen antisemitisch beleidigt haben. Andere Fälle oder die im Rahmen der Zeug:innenvernehmungen getätigten Aussagen lassen schmunzeln („Wir können die uns zur Last gelegten strafbaren Handlungen nicht einräumen. Wir waren sinnlos betrunken und wissen von dem ganzen Vorfalle Nichts.“) oder wirken kurios („Wir sprachen anfänglich über gleichgültige Dinge: über den Weltuntergang durch den Cometen u d. gl.“).
Weitere Akten geben Auskunft über Verwaltung und Umsetzung der Bestimmungen, die das akademische Gericht betrafen. Die ältesten stammen aus dem Jahr 1834; es handelt sich um eine Niederschrift der Disziplinargesetze und Statuten der Akademie Münster. Außerdem gibt es dort schriftliche Zeugnisse zum Pedell, also dem Gerichtsdiener der Hochschule, zum Karzer und zahlreiche Schreiben der Universitätsleitung und -verwaltung. Ein Ende fand das akademische Gericht spätestens 1922, als durch neu eingeführte disziplinarische Regeln Strafen wie die Karzerhaft abgeschafft wurden und der Titel des Universitätsrichters in den Personalverzeichnissen dem des Universitätsrats wich. Insgesamt bietet die Überlieferung des akademischen Gerichts einen faszinierenden Einblick in die lokale Rechtsgeschichte.
Da ich bereits in einem früheren Projekt mit diesen Akten gearbeitet hatte, lag ihr Potenzial bei der Suche nach einem geeigneten Thema für ein neues Format der Wissenschaftskommunikation des Kollegs auf der Hand, und zwar aus mehreren Gründen: Erstens stellt es für ein lokales Publikum Lebensweltbezüge her. Münster ist eine stark durch die Universität und das studentische Leben geprägte Stadt, viele der in den Fällen erwähnten Orte gibt es noch heute oder sie lassen sich zumindest im Stadtbild lokalisieren.
Zweitens besitzt das Thema einen gewissen Überraschungsfaktor. Im Gegensatz zu Städten wie Marburg oder Heidelberg, in denen die Karzer der Universitäten erhalten sind und als Museum besucht werden können, handelt es sich beim akademischen Gericht in Münster um ein eher unterbelichtetes Kapitel der örtlichen Hochschulgeschichte. Und drittens lässt sich der Themenkomplex niedrigschwellig an ein Publikum ohne fachspezifisches Vorwissen vermitteln.

© KHK EViR
Zu Beginn stellten wir uns die Frage nach den Zielgruppen, die wir erreichen wollten. Da das Thema studentisches Leben des 19. und frühen 20. Jahrhunderts greifbar macht, lagen Studierende nahe. Wir hegten die Hoffnung, auf Rechtsgeschichte neugierig zu machen und womöglich sogar eine nachhaltige Beschäftigung mit dem Thema anzuregen, die über eine Website mit Zusatzmaterialien in Form von transkribierten und kommentierten Quellen ermöglicht wurde (uni.ms/karzer).
Als Format entschieden wir uns für eine öffentliche Abendveranstaltung mit einem hohen Interaktionspotenzial. Die Wahl fiel auf eine Kombination aus thematischen Inputs und Improvisationstheater, bei dem das Publikum aktiv in die Gestaltung der improvisierten Szenen einbezogen wird. Als Veranstaltungslocation wählten wir mit dem F24 eine studentisch geprägte Kneipe in Münsters Altstadt.

Die Veranstaltung am 11. Mai 2026 mit dem Titel „Karzer & Kometen“ führten wir dann gemeinsam mit dem Peng! Improtheater durch. Die Gruppe aus Münster hat bereits Erfahrung mit wissenschaftsnahen Formaten: So greifen sie in ihren Veranstaltungen etwa die Biografien historischer Persönlichkeiten, aber auch naturwissenschaftliche Themen auf und nutzen den Stadtraum oder Museen als Bühne. Die Zusammenarbeit verlief reibungslos und arbeitsteilig – die Ideen für den Ablauf kamen von Peng, die Inhalte von uns.
Um zu überprüfen, ob die Kombination von Wissenschaftskommunikation und Improtheater funktioniert, haben wir das Format umfassend und in Kooperation mit der Kommunikationswissenschaft der Universität Münster evaluiert. Bereits im Rahmen der Anmeldung fragten wir (auf freiwilliger Basis) ab, ob die sich anmeldende Person studiert und aus welchem Grund sie die Veranstaltung besucht. Es stellte sich heraus, dass lediglich ein Viertel der Angemeldeten Studierende waren. Die Motivation zum Besuch der Veranstaltung war in vielen Fällen eine Kombination aus wissenschaftlichem Interesse und dem Wunsch nach Unterhaltung.
Insgesamt nahmen 45 Personen an der Veranstaltung teil. Nach einer kurzen thematischen Einführung zum akademischen Gericht durch mich als Referentin improvisierten zwei Mitglieder des Peng-Ensembles mehrere Szenen. Als Inspiration dienten ihnen u. a. Zitate aus den Fallakten. Sie imaginierten außerdem drei mögliche Ausgänge eines Falles – bevor der historisch verbürgte Ausgang aufgelöst wurde. Eine Intervieweinlage mit mir thematisierte das Arbeiten mit historischen Quellen. Das Publikum beteiligte sich, indem es Begriffe vorschlug, anhand derer die Szenen improvisiert wurden; es entschied über den Ausgang der Fälle und stellte Fragen.

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Aus der durchgeführten Evaluation können wir schließen, dass das Format auf positive Resonanz stößt. Im Rahmen der Befragung während der Veranstaltung in Form von Papierfragebögen sowie einer vertiefenden Online-Nachbefragung lassen sich weitere Aussagen treffen: Die Inhalte wurden als spannend und unterhaltsam bewertet und auch die humoristische Aufbereitung des Themas fand Zustimmung. Die überwiegende Mehrheit stimmte der Aussage zu, etwas über Rechtsgeschichte gelernt zu haben, und zeigte sich neugierig auf eine weitere Beschäftigung mit dem Thema. Auch dass sich die Teilnehmenden aktiv beteiligen konnten, wurde goutiert. Ein entsprechendes Format erneut zu besuchen können sich fast alle Befragten vorstellen. Die gute Resonanz bestärkt uns darin, diese Art der Veranstaltung künftig mit anderen Themen und Expert:innen zu wiederholen und auch weiterhin mit ungewöhnlichen Formaten der Wissenschaftskommunikation zu experimentieren.

Kathrin Schulte ist Historikerin und arbeitet seit 2024 in der Wissenschaftskommunikation am Käte Hamburger Kolleg „Einheit und Vielfalt im Recht“ an der Universität Münster.
Zitieren als:
Schulte, Kathrin, Karzer & Kometen, EViR Blog, 09.07.2026, https://www.evir.uni-muenster.blog/karzerundkometen/
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