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Der Code civil: Die Kunst der Einheit und des Wandels

Im Jahr 1804 stellte Kaiser Napoleon Bonaparte seine wohl größte Errungenschaft vor: den Code civil des Français – das französische Zivilgesetzbuch. Dieses Dokument, das 2.281 Artikel umfasste, machte endlich Schluss mit dem unüberschaubaren Sammelsurium an Regeln, Vorschriften und Verordnungen, das Frankreich zuvor beherrscht hatte. Das neue Zivilgesetzbuch, das sich stark an das römische Recht anlehnte und von den Pariser Coutumes beeinflusst war, brachte Einheit und Ordnung, wo zuvor ein rechtliches Chaos geherrscht hatte. Das Gesetzbuch umfasste ein enormes Spektrum an Rechtsgeschäften – Personenrecht, Familienrecht, Eigentumsrecht und Vertragsgestaltung. Bis heute bildet dieses Werk die rechtliche Grundlage Frankreichs, aber auch Belgiens, Italiens, der Niederlande, Portugals, Spaniens und aller ehemaligen Kolonialgebiete, um nur einige zu nennen. 

Als das Gesetzbuch 1804 verkündet wurde, befand sich Napoleon auf dem Höhepunkt seiner Macht und krönte sich zum Kaiser über ein französisches Reich, das sich über einen Großteil Europas erstreckte. Die Bilder, die die Einführung des neuen Zivilgesetzbuchs begleiteten, spiegeln diese feudale Vision wider. 

François-Anne David: Code Napoléon. Sa Majesté l’Empereur et Roi montre à l’Impératrice-Reine les articles du Code civil, qu’il vient de terminer.

Ein Stich, der zur Feier der Veröffentlichung des Code civil angefertigt wurde, zeigt Kaiser Napoleon, wie er seiner Frau, der Kaiserin Joséphine, das neue Gesetzbuch vorlegt. Im Hintergrund dieser Darstellung des Paares stehen Statuen der großen vorangegangenen französischen Könige, der römischen Göttin des Überflusses und ein Stapel von Schriftrollen, auf denen Friedens- und Konkordanzverträge öffentlich bekanntgeben werden. Die Figuren räkeln sich in wahrlich königlicher Pracht; sie tragen einen eigenartigen Stilmix, der so wahrscheinlich nie getragen wurde, denn ihre Gewänder vermischen frühere Renaissance-Schnittführungen mit damals modernen neoklassischen Linien. Das Bild verkündet Napoleon als großen Monarchen in der Tradition seiner Vorfahren, als engagierten Gesetzgeber und Vater der Nation. In dieser Rolle wird er gezeigt, wie er seine Frau in die neuen, im Gesetzbuch verankerten Familiengesetze einweist, insbesondere diejenigen, die sich auf die Adoption beziehen, wie auf der aufgeschlagenen Seite zu sehen ist. Dies kann auf einer makropolitischen Ebene als die Aufnahme vieler anderer Nationen in das Reich verstanden werden oder aber als subtilen Seitenhieb auf Kaiserin Joséphine, die noch keinen Erben geboren hatte. In jedem Fall wird der Code civil hier als Höhepunkt der jahrhundertelangen französischen Geschichte dargestellt, der Frieden und Einheit als großherziges Geschenk des Kaisers an seine Untertanen bringt.

Jean-Baptiste Mauzaisse: Napoléon l’er couronné par le Temps, écrit le Code Civil.

Nach dem Tod Napoleons wurde der Code civil weiterhin als eine der größten Errungenschaften seiner Herrschaft hochgehalten. So malte der Staatskünstler Jean-Baptiste Mauzaisse 1833 ein bemerkenswertes Porträt mit dem Titel Napoléon I’er couronné par le Temps – Napoleon I. gekrönt von der Allegorie der Zeit. Auf dem Gemälde sitzt der Kaiser selbstbewusst auf einem Stapel kaiserlicher Symbole und blickt streng auf sein Publikum. Napoleon schreibt eigenhändig den Code civil, während sich Chronos über ihm erhebt, um ihn für seine Bemühungen mit Lorbeeren zu krönen. Zum Zeitpunkt der Ausstellung des Gemäldes lagen die Absetzung und der Tod Napoleons bereits zwölf Jahre zurück, und die Julimonarchie regierte Frankreich mit König Louis-Philippe I. an der Spitze – allerdings nicht ohne Widerstand. Nur wenige Monate vor der Enthüllung des Gemäldes im Salon de Paris hatte ein Aufstand in der Hauptstadt, der später von Victor Hugo in Die Elenden (Les Misérables) verewigt wurde, das Regime erschüttert. Das Gemälde von Mauzaisse, das an die Kraft und die Ordnung des Zivilgesetzbuchs erinnerte, sollte die aufgewühlte Bevölkerung an den Ruhm der Vergangenheit und den zeitlosen Sieg des Gesetzes über das Chaos erinnern.

Diese beiden offiziellen Darstellungen des Code civil trugen eine wirkmächtige Symbolik in sich, die auf die nunmehr einheitliche Größe, die Geschichte und das Gewicht der neuen Rechtsnorm hinweisen sollte. Dennoch waren nicht alle mit dem Gesetzbuch in seiner jetzigen Form zufrieden, insbesondere nicht mit dem Teil, der sich mit dem Familienrecht befasste. Die Rechte und Pflichten der Ehe in den Artikeln 212, 213 und 214 standen unter heftiger Kritik. Während Artikel 8 des Gesetzbuchs versprach, dass „Tout Français jouira des droits civils“ – alle Franzosen bürgerliche Rechte genießen – wurde in späteren Artikeln verheirateten Frauen die volle Rechtspersönlichkeit abgesprochen und sie wurden der Autorität ihrer Ehemänner unterworfen. Ehefrauen durften ohne die Zustimmung ihres Ehemannes keine Verträge abschließen, kein Eigentum verwalten und keiner Arbeit nachgehen. Schon damals wurden diese Beschränkungen von vielen als archaisch und drakonisch empfunden. So entstanden selbst in den 1830er und 1840er Jahren, als die Nostalgie nach den alten glorreichen Zeiten des französischen Kaiserreichs die Popularität des Bonapartismus steigerte, zahlreiche satirische Karikaturen, die sich über diese Artikel des Gesetzbuchs lustig machten. Die Bilder verspotteten die erwarteten Verhaltensweisen und spiegelten zugleich die gelebte Realität wider.

Artikel 212: „Les époux se doivent mutuellement fidélité, secours, assistance.“ – Die Eheleute schulden sich gegenseitig Treue, Hilfe und Beistand. 

Artikel 213: „Le mari doit protection à sa femme, la femme obéissance à son mari.“ – Der Ehemann schuldet seiner Ehefrau Schutz, die Ehefrau ihrem Ehemann Gehorsam.

Artikel 214: La femme est obligée d’habiter avec le mari, et de le suivre par-tout où il juge à propos de résider : le mari est obligé de la recevoir, et de lui fournir tout ce qui est nécessaire pour les besoins de la vie, selon ses facultés et son état.“ – Die Ehefrau ist verpflichtet, mit dem Ehemann zusammenzuleben und ihm dorthin zu folgen, wo er es für richtig hält, zu wohnen; der Ehemann ist verpflichtet, sie aufzunehmen und mit allem zu versorgen, was zum Leben notwendig ist, entsprechend seinen Fähigkeiten und seinen Möglichkeiten.

Trotz der Bedenken, die sich in den Kunstwerken widerspiegeln, blieben die französischen Ehegesetze unverändert. Als sich 1904 das Bestehen des Code civil zum hundertsten Mal jährte, wollte der Staat diese herausragende Errungenschaft erneut in der Kunst feiern. Dieses Mal ist es kein Porträt von Napoleon als Gesetzgeber, sondern ein Genius der Dritten Französischen Republik, das als Herold für Einheit, Ordnung und Gerechtigkeit auftritt. Durch die Verherrlichung der abstrakten Republik wurde der Code civil von der napoleonischen Dynastie und ihren kaiserlichen Ambitionen losgelöst. Man behielt die guten Gesetze bei, lehnte aber ihren geistigen Vater ab. Der Wandel in der Bildsprache vom männlichen Kaiser zur weiblichen Republik zeugt zudem von einer gewissen Ironie, da auf anderen Darstellungen aus demselben Jahr Frauen zu sehen waren, die das Gesetzbuch freudig verbrannten. 

Die feministische Kritik am Code civil sollte sich im Laufe des Jahrhunderts fortsetzen: Die Ligue d’action feminine forderte seine Überarbeitung und die sofortige Gewährung des Wahlrechts, wie hier auf einem Plakat von 1926 zu sehen. In dieser Darstellung taucht Napoleon erneut als Gesetzgeber auf, doch statt als visionärer Held der Einheit und Ordnung wird er als seniler, altersschwacher Greis dargestellt, der aus der Zeit gefallen und fehl am Platz scheint. 

Ligue d’action féminine pour l’obtention immédiate du suffrage.

Es dauerte bis 1938, bis es den feministischen Kräften gelang, eine Änderung der Eheartikel des Gesetzes zu erwirken, und selbst danach ging es nur langsam voran. Französische Frauen erhielten erst 1944 das Wahlrecht, und erst 1965 wurde es verheirateten Frauen gesetzlich gestattet, ohne Zustimmung ihres Mannes einen Beruf auszuüben. Im Jahr 1985 erhielten sie eine gleichberechtigte Stellung bei der Verwaltung des gemeinschaftlichen Eigentums. Die 1804 versprochene Einheit und Ordnung des Rechts wurde also im Laufe der folgenden zweihundert Jahre in Frage gestellt, denn die Ehegesetze, die nicht mehr den bürgerlichen Gepflogenheiten entsprachen, mussten angepasst werden. Mit der Zeit und dem jeweiligen Temperament der Epoche wandeln sich auch die Darstellungen des Gesetzbuchs, und die Suche nach einem einheitlichen, für alle gleichermaßen geltenden Recht geht weiter. 


Bibliographie:

Code civil des Français, Paris 1804.

Ute Gerhard: Civil Law, a Tool of Masculine Domination?, in: Encyclopédie d’histoire numérique de l’Europe, online: https://ehne.fr/en/node/12265 (21.09.2023).

André Tunc: Husband and wife under French law: Past, present, future, in: University of Pennsylvania Law Review 104(1955), 1064-1079.



Zitieren als:

Carr-Riegel, Leslie, Der Code civil: Die Kunst der Einheit und des Wandels, EViR Blog, 28.04.2026, https://www.evir.uni-muenster.blog/der-code-civil.

Lizenz:

This work is licensed under a Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International License.

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