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„Was passiert, wenn eine Ständegesellschaft mit egalitären Idealen konfrontiert wird?“

Interview mit Aleksandra Oniszczuk über die rechtliche Situation im Herzogtum Warschau

Das Herzogtum Warschau (1807–1815) war ein kurzlebiger Staat im napoleonischen Europa, in dem sich der Übergang von der feudalen zur modernen Gesellschaft besonders deutlich abzeichnete. Trotz einer modernen Verfassung und einheitlicher Gesetzbücher griffen Verwaltung, Gerichte und Notariate weiterhin auf ältere polnische und preußische Rechtsnormen zurück – vor allem im Umgang mit der jüdischen Bevölkerung. Die Historikerin Aleksandra Oniszczuk beschäftigt sich während ihres Fellowships am Käte Hamburger Kolleg mit der Frage, warum diese widersprüchlichen Rechtsquellen nebeneinander bestanden, welche gesellschaftlichen Vorstellungen sie widerspiegelten und wie sie das Leben, die Handlungsspielräume und die rechtliche Stellung der Jüdinnen und Juden im Herzogtum prägten.

Sie forschen am Käte Hamburger Kolleg zu verschiedenen Rechtsquellen, die die Rechtspolitik des Herzogtums Warschau gegenüber der jüdischen Bevölkerung geprägt haben. Was macht das Herzogtum Warschau zu einem so spannenden Untersuchungsgegenstand, vor allem im Gegensatz zu anderen polnischen Gebieten?

Das Herzogtum Warschau verdient besondere Aufmerksamkeit als Staat an einem historischen Scheideweg – zwischen dem alten Feudalsystem und der Moderne. Es wurde von Napoleon Bonaparte gegründet und existierte nur kurz, von 1807 bis 1815. Es war der erste polnische Staat, der Gleichheit versprach, während er in der sozialen Realität weiterhin zutiefst feudal geprägt war. Ich finde diese Spannung zwischen ideologischen Versprechungen und der praktischen Notwendigkeit, das Recht an die bestehenden sozialen Verhältnisse anzupassen, hochinteressant. Das Herzogtum ist ein Paradebeispiel für den Konflikt zwischen Rechtseinheit und Rechtsvielfalt, also genau das Phänomen, mit dem sich das Käte Hamburger Kolleg beschäftigt. Es dient als eine Art Versuchslabor: Was passiert, wenn eine traditionelle Ständegesellschaft mit modernen egalitären Idealen konfrontiert wird? Kein anderer polnischer Staat bietet so einzigartige Bedingungen für diese Art von Forschung.

Wie sind Sie auf das Thema gekommen?

Ein Gemälde von einem Mann mit einem roten Umhang, der mit einer Brosche zusammen gehalten wird. Er hat graue Haare mit Locken an der Seite und einen Zopf im Nacken. Er hält ein beschriftetes Papier in der Hand. | A painting of a man wearing a red cloak held together with a brooch. He has grey hair with curls at the sides and a ponytail at the back of his neck. He is holding a piece of paper with writing on it in his hand.
Friedrich August I. von Sachsen (1750–1827) war der erste König von Sachsen und Herzog von Warschau. Porträt von Marcello Bacciarelli, ca. 1808/1809; Wikimedia Commons.

Mein Interesse am Herzogtum Warschau wurde durch ein Gespräch mit einem Freund geweckt. Vor über einem Jahrzehnt machte mich Artur Markowski, ein bekannter Wissenschaftler im Bereich der Jüdischen Studien, auf eine bedeutende Forschungslücke aufmerksam. Die Politik des Herzogtums Warschau gegenüber der jüdischen Bevölkerung musste historiografisch neu bewertet werden. Frühere Studien hatten sich nur auf wenige Rechtsakte konzentriert, die das jüdische Leben regelten, und dennoch kamen diese Arbeiten zu weitreichenden Schlussfolgerungen – nämlich, dass das Herzogtum Jüdinnen und Juden konsequent diskriminierte. Diese Behauptung war so eindeutig und eindimensional, dass wir beide vermuteten, dass es sich um eine zu starke Vereinfachung handelte.

Ich erwartete, mehr Facetten in dieser Geschichte zu finden, aber ich hätte nicht gedacht, dass ich so viele faszinierende Aspekte entdecken würde. Nachdem ich vor einigen Jahren meine Doktorarbeit in Geschichte abgeschlossen hatte, wusste ich, dass noch eine Menge wertvoller Quellen, die für meine vorherige Forschung nicht von zentraler Bedeutung waren, auf ihre Erschließung warteten. Dies veranlasste mich, zur napoleonischen Zeit zurückzukehren, um ein weiteres Buch zu diesem Thema zu schreiben, diesmal aus einer eher rechtshistorischen Perspektive. Meine aktuelle Forschung konzentriert sich auf die rechtliche Vielfalt – das Flickwerk sich überschneidender Rechtsakte, die aus verschiedenen Traditionen stammen und innerhalb des Herzogtums angewendet wurden.

Wie entstand diese rechtliche Vielfalt, insbesondere im Hinblick auf die jüdische Bevölkerung?

Wie in anderen europäischen Staaten unter seiner Herrschaft versuchte Napoleon Bonaparte auch im Herzogtum Warschau, eine neue Rechtsordnung einzuführen und die bestehenden sozialen Hierarchien umzugestalten. Die Verfassung, die Gesetzbücher und die neu geschaffenen Verwaltungs- und Justizsysteme sollten Einheit innerhalb des napoleonischen Systems schaffen. Eine konsequente Umsetzung dieser Reformen wäre einer sozialen Revolution gleichgekommen: Mehr als 70 Prozent der Bevölkerung waren Bäuerinnen und Bauern, denen die persönliche Freiheit vorenthalten war und die durch besondere Gesetze regiert wurden, die sie wie Leibeigene behandelten.

Jüdinnen und Juden, die etwa zehn Prozent der Bevölkerung ausmachten, galten gewissermaßen als eigener Stand – sie unterschieden sich optisch sowie sprachlich und waren in selbstverwalteten Gemeinschaften organisiert, die religiösen Gesetzen unterlagen. Die lokalen politischen Eliten Polens, die größtenteils aus der Aristokratie stammten, waren zwar formal dem Kaiser treu ergeben, zögerten jedoch, tiefgreifende soziale Veränderungen zu akzeptieren. Sie versuchten daher, einige wichtige Veränderungen abzuschwächen oder aufzuschieben.

In der Praxis verfolgten sie eine zweigeteilte Politik: eine offizielle, die sich an Napoleons Prinzipien orientierte, und eine andere, pragmatischere, die sich auf ältere Rechtsrahmen und Ad-hoc-Verordnungen stützte. Ein anschauliches Beispiel dafür ist die Verordnung, die Jüdinnen und Juden ihre politischen Rechte entzog – offiziell für einen Zeitraum von zehn Jahren, angeblich um ihnen Zeit zu geben, die „Unterschiede” zu beseitigen, die sie vom Rest der Gesellschaft trennten. In anderen Bereichen, wie der Besteuerung oder dem Erwerb von städtischem Eigentum durch Jüdinnen und Juden, wandten die Behörden weiterhin die bestehenden preußischen Vorschriften an, die sich als wirksam erwiesen hatten.

Hatte diese rechtliche Vielfalt Einfluss auf das alltägliche Leben der Jüdinnen und Juden?

Ja, auf jeden Fall. Einerseits sorgten alle diskriminierenden Vorschriften für die Aufrechterhaltung der sozialen und kulturellen Trennung zwischen der jüdischen und christlichen Bevölkerung und festigten damit die bestehende Ordnung. Gleichzeitig führten die weitreichenden napoleonischen Gesetze zu einer Reihe von Veränderungen. Interessanterweise wurden jüdische Fälle in der täglichen Verwaltungs- und Rechtspraxis meist gleichberechtigt behandelt. Wenn beispielsweise ein Jude sich an die öffentliche Verwaltung wandte und es in dieser Angelegenheit kein spezifisches materielles Recht gab, wurde sein Fall nach den allgemeinen Vorschriften entschieden.

Die neu eingerichtete Verwaltung war mit der schieren Menge an Arbeit überfordert und stand vor der Herausforderung, sich schnell in die neuen, standardisierten Verfahren einarbeiten zu müssen. Es blieb schlichtweg keine Zeit, gesonderte Verfahren für jüdische Angelegenheiten zu schaffen. Infolgedessen wurde es ganz normal – was in früheren polnischen Staaten unmöglich gewesen wäre –, dass ein Bürgermeister vorgeladen wurde, um sicherzustellen, dass ein Jude eine Entschädigung für von der Armee requiriertes Eigentum erhielt. In solchen Fällen wurde der Jude nicht mehr als Mitglied einer separaten Gruppe behandelt, sondern einfach als „Antragsteller” betrachtet.

Das Gleiche galt für die Gerichte. Ende des 18. Jahrhunderts gab es keine einheitlichen, allgemeinen polnischen Gerichte. Im Herzogtum wurden jedoch solche Gerichte eingerichtet, und in den meisten Fällen spielte die Religionszugehörigkeit einer Partei keine Rolle mehr. Zum ersten Mal gab es Raum für einen formal gleichberechtigten Rechtsstreit auf der Grundlage juristischer Argumente vor Gerichten, die ein einheitliches materielles Recht und Verfahrensrecht anwendeten. Diese von der napoleonischen Ordnung geschaffenen egalitären Prinzipien betrafen die Mehrheit der kleineren Fälle, die von der Verwaltung und von den Gerichten behandelt wurden. Egalitäre Regeln prägten auch das neu eingerichtete Notariatssystem und trugen zu allmählichen sozialen und kulturellen Veränderungen bei.

Justizminister im Herzogtum Warschau, Felix Łubieński. Lithografie von Józef Sonntag, Wikimedia Commons.

Sie sprechen auch die rechtliche Stellung jüdischer Frauen an. Haben Sie den Eindruck, dass die napoleonischen Reformen hier tatsächlich neue Handlungsspielräume eröffneten – oder dass die alte Rechtsvielfalt eher bestehende Ungleichheiten festigte?

Die Situation jüdischer Frauen im Herzogtum Warschau wurde bisher noch nicht untersucht. Sie waren für die Forschung gewissermaßen fast unsichtbar, obwohl sie etwa fünf Prozent der Bevölkerung des Staates ausmachten. Dies lag vor allem an den allgemeinen Tendenzen der Geschichtsschreibung, aber auch daran, dass sich frühere Studien zum Status der Juden hauptsächlich auf die Aufhebung ihrer politischen und bürgerlichen Rechte konzentrierten. Unter der kleinen Minderheit der Juden, die diese Rechte einforderten, gab es natürlich keine Frauen – zu dieser Zeit hatten selbst christliche Frauen keine politischen Rechte.

Das bedeutet jedoch nicht, dass die Primärquellen nichts über das Leben jüdischer Frauen aussagen. Glücklicherweise betrafen viele Verwaltungsfälle Frauen, oft in Bezug auf ihren Beruf oder ihren Wohnort. Selbst unter den wenigen erhaltenen Gerichtsakten betrifft ein kleiner Prozentsatz Frauen. Die vielleicht interessantesten Entdeckungen stammen aus notariellen Aufzeichnungen. Dazu gehört beispielsweise die Frau eines Rabbiners, die seine geschäftlichen Angelegenheiten verwaltete, den Bau eines Bootes in Auftrag gab und einen Teil ihrer gemeinsamen Wohnung im Stadtzentrum an das erstinstanzliche Gericht und das Stadtarchiv vermietete. Bemerkenswert ist, dass der Notar selbst sein Büro in ihrer Wohnung hatte – symbolisch spiegelte dies einen Wandel der Rollen wider, die zuvor durch religiöse Trennungen vorgegeben waren.

Einige napoleonische Vorschriften brachten somit neue Möglichkeiten für Jüdinnen mit sich. Gleichzeitig verstärkten jedoch andere Vorschriften die bestehenden Ungleichheiten – insbesondere diejenigen im Code Civil, die die Autorität des Ehemanns über seine Frau festlegten und die unabhängige Teilnahme an den meisten Gerichtsverfahren oder die Verwaltung des persönlichen Vermögens einschränkten.

Judyta and Szmul Zbytkower. Szmul war ein reicher jüdischer Kaufmann und Bankier und Hoflieferant des polnischen Königs.  Seine Frau Judyta führte seine Verhandlungen und nach seinem Tod sein Geschäft weiter. Während des Herzogtums Warschau war sie die größte Lieferantin der polnischen und französischen Armeen. Bild: Aleksander Lesser, Public Domain via National Museum Warsaw.

Mit welchen Quellen arbeiten Sie und wo werden dort die Erfahrungen der jüdischen Bevölkerung besonders sichtbar?

Zu meinen Hauptquellen zählen Rechtsakte, Korrespondenz zwischen verschiedenen Staatsbeamten, Gerichtsakten und notarielle Urkunden. Die erste Art von Quellen übergeht in der Regel die Erfahrungen der jüdischen Bevölkerung; mindestens eine davon hält jedoch die Stimme dieser Bevölkerungsgruppe fest: Der Erlass, mit dem die Wehrpflicht in eine Steuer umgewandelt wurde, erwähnt jüdische Delegationen aus dem ganzen Land, die diese Lösung forderten.

Die interessantesten Quellen sind Einzelfälle, die von der Verwaltung, den Gerichten oder den Notaren gelöst wurden. Diese Aufzeichnungen bieten einzigartige Einblicke in die Reaktionen der Menschen auf gesetzliche Vorschriften und das Vorgehen der staatlichen Behörden. Ebenso wertvoll ist das äußerst seltene – und tatsächlich einzige bekannte – Tagebuch eines Juden aus dem Herzogtum Warschau, Moses Wasserzug, das in gedruckter Form auf Deutsch und Polnisch erschienen ist. Es dokumentiert das bewegte Leben seines Autors, der verschiedene Verwaltungsfunktionen innerhalb der jüdischen Gemeinde innehatte, sich mit einigen gesetzlichen Vorschriften auskannte und sich mühelos auf allen Ebenen der Gerichte bewegte.

Obwohl keine weiteren Quellen dieser Art bekannt sind, zeigt meine Forschung, wie das moderne Recht, die Verwaltung, die Gerichte und die Notariate des Herzogtums Warschau die Erfahrungen der jüdischen Bevölkerung geprägt haben. Trotz bestimmter diskriminierender Gesetze lernten sie schnell, mit einem modernen Staat umzugehen, um sich ein gewisses Maß an Handlungsfähigkeit zu verschaffen.

Interview von Kathrin Schulte


Zitieren als:

Aleksandra Oniszczuk/Kathrin Schulte: „Was passiert, wenn eine Ständegesellschaft mit egalitären Idealen konfrontiert wird?“ Interview, EViR Blog, 17.11.2025, https://www.evir.uni-muenster.blog/interviewoniszczuk

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