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Wie viel Aktivismus verträgt die Wissenschaft?

Walther Schücking und der Kampf eines Völkerrechtlers gegen den Krieg

Gegenwärtig zeigen Nachrichten aus den USA wie aus Europa, dass Forscher*innen, die sich gesellschaftspolitisch engagieren, schnell starker Kritik ausgesetzt sind. Der aus Münster stammende Völkerrechtswissenschaftler Walther Schücking war Aktivist. Er wäre dieses Jahr 150 Jahre alt geworden. Sein Beispiel zeigt, wie alt und trotzdem relevant diese Debatte ist. Was kann man dabei beobachten?

Ausgerechnet Donald Trump und seine Anhänger*innen, aber auch Rechtsextreme in Europa, greifen derzeit die Forschung an. Das Argument lautet, diese sei zu politisiert. Dabei wirken gerade diese Politiker*innen mit Desinformationsstrategien und Verschwörungsmythen auf den politischen Diskurs ein. So forderte die AfD in einem Bundestagsantrag im Mai 2024 einen Förderungsstopp für Projekte, welche „postkolonialistische Ideologie“ verbreiten würden; ebenso will sie Förderungen für „Gender Forschung“ einstellen. Im Hessischen Landtag forderte die AfD im Frühling 2025 eine Abschaffung „rein aktivistisch begründeter Studiengänge“ und bezog sich dabei unter anderem auf Gender- und Disability Studies.

Wie damit umzugehen ist, darüber gibt es in der Wissenschaft jedoch keine Einigkeit. Rufe, dass sich Forscher*innen angreifbar machen, wenn sie sich zu sehr in gesellschaftspolitische Debatten einbringen, treffen auf das Gegenargument, dass genau jetzt die Wissenschaft in der allgemeinen Öffentlichkeit sichtbar sein muss, um postfaktischen Strömungen entgegenzutreten.

Schücking als Friedensaktivist

Ein Mann in Anzug und Hut steht vor einer Treppe eines großen Gebäudes. Er hat Papiere unter dem Arm. Im Hintergrund stehen Männer mit Schildern. Es handelt sich um ein historisches Foto in Sepiatönen. | A man in a suit and hat stands in front of the steps of a large building. He has papers under his arm. In the background are men holding signs. It is a historical photo in sepia tones.
Walther Schücking, undatiert. Universitäts- und Landesbibliothek Münster, N. Schücking 061,055.

Der am 6. Januar 1875 in Münster geborene Jurist Walther Schücking war nicht nur Wissenschaftler und Politiker, sondern auch pazifistischer Aktivist. Er sah in der Vereinbarkeit dieser vielfältigen Rollen kein Problem. Schücking war ab 1900 außerordentlicher Professor in Breslau und ab 1903 ordentlicher Professor für Öffentliches Recht in Marburg. Früh spezialisierte er sich auf das Völkerrecht. Dabei glaubte er an eine aktive Rolle des Völkerrechtsgelehrten in der Schaffung und Weiterentwicklung von Völkerrecht, während seine Zeitgenossen ihre Aufgabe vor allem in der Erfassung bestehenden Rechts sahen.

Aufgrund seiner Auffassung gilt Schücking teilweise als der einzige Völkerrechtsgelehrte seiner Zeit, dem es gelang, die Gegensätze zwischen der damaligen Friedensbewegung und der Völkerrechtslehre zu überwinden. Die Friedensbewegung des frühen 20. Jahrhunderts hatte Recht als Instrument erkannt, um ihre Agenda wie die einer Staatengemeinschaft und einer obligatorischen Schiedsgerichtsbarkeit voranzubringen. Aktivist*innen wie Bertha von Suttner und Alfred H. Fried befassten sich daher intensiv mit Fragen des Völkerrechts. Von anderen Völkerrechtsgelehrten wurde dies jedoch kritisch gesehen und es gab kaum Austausch mit Friedensaktivist*innen. Schücking hingegen stand mit bemerkenswert vielen Akteur*innen der Friedensbewegung wie von Suttner und Fried in brieflichem Kontakt. Seiner Ansicht nach habe Bertha von Suttner durch ihre Arbeit maßgeblich zur Weiterentwicklung des Völkerrechts beigetragen.

Schückings Aktivitäten in der Friedensbewegung waren von seiner Rolle als öffentlicher Intellektueller geprägt. Er publizierte nicht nur in Völkerrechtszeitschriften, sondern häufig in pazifistischen Blättern, insbesondere der „Friedenswarte“. Zudem gilt er als führende Figur in der „Deutschen Friedensgesellschaft“, war Gründer des „Verbandes für internationale Verständigung“ und hielt Vorträge vor verschiedenen zivilgesellschaftlichen Organisationen. Dabei ging er auch über sein eigentliches Forschungsfeld hinaus und sprach sich für die rechtliche Gleichstellung von Frauen sowie für eine strikte Trennung zwischen Staat und Kirche aus.

Ein Staatenbund als Weg zum Frieden

Schückings vorrangiges Ziel war die Ächtung des Krieges. Er erhob den zwischenstaatlichen Frieden zur Maxime und betrachtete einen Staatenbund als bestes Mittel, um dies zu erreichen. Seine Rolle in der Friedensbewegung beeinflusste also durchaus auch seine wissenschaftliche Tätigkeit.

Schückings Ansatz war jedoch nicht völlig neu. Es gab vor allem unter liberalen Völkerrechtsgelehrten des späten 19. Jahrhunderts die Tendenz, über naturrechtliche Argumentationen einen weiten Spielraum für die eigenen politischen Ansichten zu schaffen. Dies wurde etwa durch Verweise auf das sogenannte „legal conscience“ der „zivilisierten“ Welt erreicht. Die Kompetenz, das Rechtsgewissen zu erkennen und auszulegen, sprachen sich die Gelehrten dabei selbst zu. Das Besondere an Schücking ist, wie weit er diese Kompetenz auslegte. Das war eine Art Selbstermächtigung.

So kommentierte er etwa die Haager Friedenskonferenzen von 1899 und 1907. Bei diesen internationalen Zusammenkünften wurden Konventionen etwa zum Kriegsrecht und zur Streitschlichtung unterzeichnet. Schücking ging in seiner Interpretation der Konferenzen so weit zu behaupten, diese hätten eine Konföderation von Staaten geschaffen, und leitete aus den einzelnen Konventionen eine Verpflichtung zu einer organisatorischen Vereinigung der teilnehmenden Staaten ab.

Zwischen Politik und Wissenschaft

Walther Schücking wurde für seine politischen Aktivitäten häufig angegriffen, vor allem, weil er der deutschen Regierung sehr kritisch gegenüberstand. Er vertrat die Auffassung, dass das Deutsche Kaiserreich sich vor allem durch seine ablehnende Haltung bei den Haager Konferenzen in der internationalen Staatengemeinschaft isoliert hätte. Diese Ablehnung bekam Schücking auch selbst zu spüren. Nach seiner Berufung nach Marburg im Alter von nur 28 Jahren machte seine Karriere im Kaiserlichen Deutschland keine großen Sprünge mehr. Erst 1921 verließ er Marburg, um einem Ruf an die Berliner Handelshochschule und 1926 einen weiterem an die Universität Kiel zu folgen.

Historisches Foto in schwarz-weiß, sechs Männer in Anzügen sitzen an einem Tisch mit Papieren. Auf dem Bild steht "Die deutsche Friedensdelegation" sowie die Namen der Personen. | Historical black-and-white photograph showing six men in suits sitting at a table with papers. The caption reads ‘The German Peace Delegation’ and lists the names of the individuals.
Die deutsche Friedensdelegation vor der Abreise nach Versailles (1919), Schücking erster von links. Bundesarchiv, Bild 146-1971-037-34 / Scherl, August / CC-BY-SA 3.0.

Nicht nur zivilgesellschaftlich, auch in politischen Institutionen war Schücking aktiv. Von 1919 bis 1928 war er Abgeordneter in der Weimarer Nationalversammlung und saß für die Deutsche Demokratische Partei im Reichstag. Während des Ersten Weltkriegs hatte er diesen deutlich kritisiert, wenn er sich auch gegen den Vorwurf der deutschen Kriegsschuld stellte. Zuvor war er während der Friedensverhandlungen in Versailles einer der sechs deutschen Hauptdelegierten gewesen, zeigte sich aber enttäuscht von der Haltung der Entente. Nicht nur, dass die Völkerbundakte keine Ächtung des Krieges enthielt, auch den Fokus auf die alleinige deutsche Kriegsschuld lehnte er ab und stimmte im Reichstag sogar gegen die Unterzeichnung des Vertrags. War es Patriotismus oder tatsächlich nur die Enttäuschung über die Nachkriegsordnung – als Vorsitzender des „Untersuchungsausschusses für die Schuldfragen des Weltkrieges“ versuchte er den Vorwurf der Aggression zu entkräften. Zudem fasste er auch das Kriegsvölkerrecht in Bezug auf deutsche Vergehen im Krieg plötzlich deutlich dogmatischer auf und legte es eng aus. Schücking wurde daher vorgeworfen, sich von Vertretern der alten Eliten instrumentalisieren zu lassen.

Durch diesen Schwenk in der Interpretation des Völkerrechts lassen sich auch in der Biographie Schückings Argumente finden, die gegen eine allzu starke politische Involvierung von Wissenschaftler*innen sprechen. Von der Völkerrechtsgeschichte wird er rückblickend trotzdem als Visionär gefeiert, sein Entwurf eines Staatenbundes als zukunftsweisend gewürdigt. Sein dynamischer Rechtsbegriff hatte ihm eine Beschäftigung mit Recht als Mittel zum Frieden erlaubt, was seinem Werk bis heute Relevanz verleiht.

Gruppenbild von sechs Männern in Anzügen und Hüten, teilweise mit Gehstöcken. Es handelt sich um ein historisches schwarz-weiß-Foto. | Group photo of six men in suits and hats, some with walking sticks. It is a historical black-and-white photo.
Die deutsche Verhandlungsdelegation während der Friedensverhandlungen zum Versailler Vertrag. Walther Schücking hinten rechts im hellen Mantel (1919). Bundesarchiv, Bild 183-R11112 / Unknown / CC-BY-SA 3.0.

Schückings Vermächtnis

1930 wurde Schücking zum Richter am Ständigen Internationalen Gerichtshof in Den Haag gewählt, wo er 1935 verstarb. Auf internationaler Ebene wurde er schon bei seinem Tod als bedeutendster Völkerrechtsgelehrter seiner Epoche angesehen. In Deutschland jedoch war er kurz nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten aus dem Universitätsdienst entlassen worden. Eine Teilnahme an der Beisetzung Schückings wurde untersagt. Auch dies kann ein Grund sein, warum Schücking in Deutschland, außerhalb der Völkerrechtsgeschichte, weitgehend in Vergessenheit geraten ist.

In seine Geburtsstadt Münster kehrte er beruflich nie zurück, hatte das aber durchaus gewünscht. Ein Ruf an die Universität Münster scheiterte laut Schückings eigener Wahrnehmung an klerikalem Widerstand. Dennoch verwundert es, dass der Wikipedia-Eintrag „Münster“  Walther Schücking nicht unter den berühmten Söhnen und Töchtern der Stadt führt (Stand: Juni 2025). Ebenso wenig findet sein Name im Stadtmuseum oder im Straßenverzeichnis Erwähnung. Sein Nachlass wird jedoch von der Universitäts- und Landesbibliothek Münster verwahrt. Vor allem die darin enthaltene Korrespondenz könnte ein neues Licht auf seine Rolle als Aktivist werfen.

Weiterführende Literatur:

Bodendiek, Frank, Walther Schücking and the Idea of ‘International Organization’. European Journal of Internatinoal law 22, Nr. 3 (2011), 741-754.

García-Salmones, Mónica, Walther Schücking and the Pacifist Traditions of International Law. European Journal of International Law 22, Nr. 3 (2011) 755–782.

Herzog, Amelie, Frauen denken Völkerrecht, Dissertation Wien 2025

Maier-Metz, Harald, Frieden durch Recht – Recht ohne Frieden. Der Pazifist und Völkerrechtler Walther Schücking in Marburg. 1902–1921, Münster – New York, 2022.

Mohr, Johannes, Between Pacifism and Patriotism: Walther Schücking (1875–1935). German Yearbook of International Law 62, Nr. 1 (2021) 275–302.

Morgenstern, Ulf, Bürgergeist und Familientradition. Die liberale Gelehrtenfamilie Schücking im 19. und 20. Jahrhundert, Paderborn, 2012.

Schücking, Walther, Der Staatenverband der Haager Konferenz, München, 1912.

Simon, Hendrik, A Century of Anarchy? War, Normativity, and the Birth of Modern International Order, Oxford, 2024.

Tams, Christian J., Re-Introducing Walther Schücking. European Journal of International Law 22, Nr. 3 (2011) 725–739.


 

Eine Portraitaufnahme einer Frau mit halblangen, dunkelblonden Haaren in einem blauen Oberteil. | A portrait photograph of a woman with medium-length, dark blonde hair wearing a blue top.


Zitieren als:

Anastasia Hammerschmied: „Wie viel Aktivismus verträgt die Wissenschaft?“. EViR Blog, 15.08.2025, https://www.evir.uni-muenster.blog/aktivismus

Lizenz:

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