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Die Plünderung Lübecks

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Die Plünderung Lübecks

Ein Blick in die Forschung

Während ihres Fellowships am Käte Hamburger Kolleg bearbeiten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ein selbstgewähltes Projekt mit Bezug zum Kollegthema. Manchmal steht in diesen Projekten eine einzige Quelle im Mittelpunkt, manchmal sind es hunderte, und nicht immer handelt es sich um klassisches historisches Quellenmaterial. Deswegen haben wir unsere Fellows gebeten, eine Quelle vorzustellen, die zentral für ihr Forschungsprojekt ist, die besondere Aussagekraft hat oder die sich einfach spannend wie ein Krimi liest – ihre absolute Lieblingsquelle sozusagen.

Diese veröffentlichen wir fortlaufend an den Adventswochenenden und lassen auf diese Weise das Jahr noch einmal Revue passieren.


Gundula Gahlen

Projekt: Gewalthandeln in der französischen und österreichischen Armee im Spannungsfeld von Militärstrafrecht, Kriegsrecht und Kriegsbrauch während der Revolutions- und Napoleonischen Kriege (1792-1815)

Quelle: Charles de Villers, Villers Brief an die Gräfinn Fanny von Beauharnois enthaltend eine Nachricht von den Begebenheiten, die zu Lübeck an dem Tage, Donnerstag den 6ten November 1806 und folgenden vorgefallen sind, 3.  Aufl., Amsterdam 1808 [Erstauflage 1807]

Der Brief ist gleichzeitig Anklageschrift und Petition. Sie bezieht sich darauf, dass im November 1806 die neutrale Stadt Lübeck, in der der französische Verfasser Charles de Villers lebte, erst von preußischen Truppen besetzt und nachfolgend von französischen Truppen drei Tage lang geplündert wurde.

Villers‘ Brief war ein Versuch, sich für die Lübecker einzusetzen, indem er sich an die befreundete Gräfin de Beauharnais, einer Verwandten von Napoleons Frau, und durch sie an Napoleon wandte, um von den brutalen Geschehnissen zu berichten und ihn zu Reparationszahlungen an die Stadt Lübeck anzuhalten. Dies erzielte nicht die erhoffte Wirkung. Hierauf wandte sich Villers mit der Veröffentlichung des Briefes auf Französisch und Deutsch an die aufgeklärte Öffentlichkeit, um zu einer Zivilisierung des Krieges zu mahnen.

Interessant an der Quelle ist, dass Villers unterschiedliche Normensysteme als Argumente anführt: die Moral, das Recht im Sinne von Naturrecht, das Völkerrecht, das Kriegsrecht im Sinne von Kriegsraison sowie das Kriegsrecht im Sinne von Kriegsbrauch. Er bewertet fast alle rechtlichen Argumente moralisch und sieht die Moral als oberste Richtschnur an.

Die Rezeption des Briefes in Frankreich und Deutschland unterschied sich diametral: Auf französischer Seite blieb der Brief weitgehend unbemerkt. Falls doch, wurde Villers als unverschämter Ankläger oder sogar als Vaterlandsverräter wahrgenommen. Im Gegensatz dazu wurde Villers‘ Brief auf deutscher Seite als historischer Bericht und als einer der wichtigsten Appelle dieser Zeit für den Schutz der Zivilbevölkerung im Krieg betrachtet.


Zitieren als:
Gahlen, Gundula, Die Plünderung Lübecks. Ein Blick in die Forschung, EViR Blog, 19.12.2025, https://www.evir.uni-muenster.blog/die-pluenderung-lubecks/.

Lizenz:
This work is licensed under a Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International License.


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