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Der Fall des lebensmüden Kleinkriminellen

Ein Blick in die Forschung

Die Lieblingsquellen unserer Fellows

Während ihres Fellowships am Käte Hamburger Kolleg bearbeiten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ein selbstgewähltes Projekt mit Bezug zum Kollegthema. Manchmal steht in diesen Projekten eine einzige Quelle im Mittelpunkt, manchmal sind es hunderte, und nicht immer handelt es sich um klassisches historisches Quellenmaterial. Deswegen haben wir unsere Fellows gebeten, eine Quelle vorzustellen, die zentral für ihr Forschungsprojekt ist, die besondere Aussagekraft hat oder die sich einfach spannend wie ein Krimi liest – ihre absolute Lieblingsquelle sozusagen.

Diese veröffentlichen wir fortlaufend an den Adventswochenenden und lassen auf diese Weise das Jahr noch einmal Revue passieren.


Beate Althammer

Projekt: Schuld – Recht – Gerechtigkeit: Begnadigungspraktiken im Europa der Moderne

Quelle: The National Archives, HO 144/51/89206: The case of Charles Frost

Die gewählte Quelle ist ein Polizeibericht aus London vom 22. Juni 1882, der die Aussage eines gescheiterten Selbstmörders rapportiert. Für sich allein wirkt der Text rätselhaft, aber es handelt sich nur um das erste Blatt in einer dicken Akte, die bis ins Jahr 1866 zurückreicht und die merkwürdige Lebensgeschichte dieses Lebensmüden, Charles Frost, außergewöhnlich detailreich dokumentiert. Es ist die Geschichte eines Gelegenheitsarbeiters und Kleinkriminellen, der wiederholt gerichtlich zu teils langjährigen Freiheitsstrafen verurteilt wurde. Die beiden schwersten ihm zur Last gelegten Verbrechen, Einbrüche in den Jahren 1866 und 1878, hatte er aber nicht begangen. Das behaupteten jedenfalls er selbst sowie etliche Menschen aus seinem sozialen Umfeld mit großer Hartnäckigkeit in Dutzenden von Begnadigungsgesuchen und Vernehmungsprotokollen. Letztlich war auch das Home Office, also das englische Innenministerium, davon überzeugt, dass Frost zum Opfer von Justizirrtümern geworden war: Es gewährte ihm in beiden Fällen je einen Free Pardon, vollständige Begnadigungen, wegen nachträglich erwiesener Unschuld. Die Akte erzählt nicht nur multiperspektivisch eine faszinierende Lebensgeschichte; darüber hinaus bietet sie tiefe Einblicke in die Bedeutung und Funktionsweise des englischen Begnadigungswesens – der Royal Prerogative of Mercy. Warum sich Charles Frost allerdings trotz seines Glücks der mehrfachen Begnadigung 1882 ertränken wollte, werde ich an anderer Stelle darlegen.


Zitieren als:
Althammer, Beate, Der Fall des lebensmüden Kleinkriminellen. Ein Blick in die Forschung, EViR Blog, 28.11.2025, https://www.evir.uni-muenster.blog/der-fall-des-lebensmueden-kleinkriminellen/.

Lizenz:
This work is licensed under a Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International License.


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