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Wenn Magister streiten

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Wenn Magister streiten

Intellektuelle und rechtliche Konstellationen in hoch- und spätmittelalterlichen Gelehrtenkonflikten

Haben rechtliche Bedingungen Einfluss auf die Art und Weise, wie Gelehrte Ideen entwickeln, wie diese wirken und wie Konflikte um sie geführt werden? Dieser Frage gehe ich in meinem Forschungsprojekt am Käte Hamburger Kolleg nach. Dazu untersuche ich vergleichend drei intellektuelle Konstellationen an mittelalterlichen Universitäten, in deren Zentrum jeweils die Rezeption eines Philosophen steht, nämlich des muslimischen Autors Ibn Rushd (1126-1198), im lateinischen Europa Averroes genannt. Ibn Rushd, der in Andalusien als Autor und Hofarzt wirkte, war bereits zu Lebzeiten umstritten. Einen Namen gemacht hatte er sich als Verfasser von Kommentaren zu den Schriften des Aristoteles. In ihnen ging er streng philosophisch vor, ohne Rücksicht auf Anforderungen des Islam zu nehmen. So gelangte er zu Schlussfolgerungen, die mitunter in scharfem Kontrast zu religiösen Annahmen standen. Seine Kommentare stießen auch unter christlichen Gelehrten auf großes Interesse. Ehrenvoll wurde Averroes als ‚der Kommentator‘ bezeichnet. An den Universitäten im christlichen Europa galt er rasch als unverzichtbar für das Studium der Philosophie.

Der muslimische Gelehrte Ibn Rushd, genannt Averroes. Fresko von Andrea Bonaiuto, 14. Jahrhundert.
Der muslimische Gelehrte Ibn Rushd, genannt Averroes. Fresko von Andrea Bonaiuto, 14. Jahrhundert. Bild: Sailko (Wikimedia Commons), CC BY 3.0

In meinem Forschungsprojekt vergleiche ich den sogenannten Averroismus im Paris des 13. Jahrhunderts mit demjenigen Bolognas im 14. und denjenigen Paduas im 15. Jahrhundert. Die christlichen Gelehrten hatten rasch erkannt, dass bestimmte Positionen des Averroes (und auch des Aristoteles) kaum vereinbar mit Glaubenslehren waren. Das betraf insbesondere die Annahme, die Welt sei ewig, also nicht von einem Schöpfergott geschaffen; außerdem die These, Gott könne Wissen von Einzeldingen nicht in spezifischer, sondern nur in allgemeiner Weise besitzen, was dessen Vollkommenheit einzuschränken schien; schließlich eine Position zur Einheit des Intellekts. Ausgangspunkt dafür war eine schwierige Passage aus „De anima“, der Seelenlehre des Aristoteles. Averroes legte diese Ausführungen so aus, dass es einen allgemeinen aktiven Intellekt und einen allgemeinen passiven Intellekt für alle Menschen gebe. Erklärt werden sollte so, warum Menschen dasselbe Wissen erwerben können. Ausgehend von Averroes nahmen die Averroisten an, dass Menschen durch ihre Sinne Eindrücke von Einzeldingen erwerben, wobei im Erkenntnisprozess von den konkreten Umständen und Eigenheiten abstrahiert wird. Die so entstandenen abstrakten Konzepte werden in einem aufnehmenden Intellekt, dem intellectus possibilis, gespeichert. Während die Konzepte sich hier passiv befinden, werden sie im tätigen Intellekt, dem intellectus agens wirksam. Averroes lehrte nun, dass beide Intellekte getrennte Substanzen seien, mit denen einzelne Menschen verbunden seien durch ihre individuelle sinnliche Erkenntnis. Damit aber waren zentrale Elemente der christlichen Lehre gefährdet, insbesondere die individuelle Zurechenbarkeit von Verdienst und Sünde und die dementsprechende Belohnung oder Bestrafung beim Jüngsten Gericht.

In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts begann eine Gruppe von Artesmagistern in Paris unter dem Eindruck der Schriften des Aristoteles und seiner Auslegung durch Averroes, deren Positionen konsequent weiterzudenken und dabei die Ansprüche des Glaubens und das Offenbarungswissen nicht zu berücksichtigen. Magister wie Siger von Brabant und Boethius von Dacien beanspruchten, strikt gemäß der natürlichen Vernunft vorzugehen. Ihre Lehren erregten bald Anstoß bei kirchlichen Autoritäten wie bei den Professoren der Theologie, so dass es 1270 und 1277 zu Verurteilungen zahlreicher averroistischer Thesen kam. Diese durften künftig nicht mehr gelehrt werden. Die Karriere der betroffenen Magister war beendet, obwohl diese in der Verurteilung nicht namentlich genannt wurden.

Laurentius de Voltolina: Aristoteles hält eine Vorlesung (Ausschnitt aus einer Illustration zum Liber ethicorum des Henricus de Alemannia, zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts). Gezeigt wird eine typische mittelalterliche Vorlesungsszene, Aristoteles ist wie ein mittelalterlicher Magister dargestellt.
Laurentius de Voltolina: Aristoteles hält eine Vorlesung (Ausschnitt aus einer Illustration zum Liber ethicorum des Henricus de Alemannia, zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts). Gezeigt wird eine typische mittelalterliche Vorlesungsszene, Aristoteles ist wie ein mittelalterlicher Magister dargestellt. Bild: Staatliche Museen zu Berlin, Kupferstichkabinett / Volker-H. Schneider, Public Domain Mark 1.0

Der Averroismus erlebte im 14. Jahrhundert gleichwohl eine neue Blüte, in Paris durch den hochumstrittenen Johannes von Jandun, und in Bologna, wohin sich einige Schüler der Pariser Averroisten geflüchtet hatten. Spannend ist nun, dass es hier nicht zu einer analogen Entwicklung wie in Paris kam. Die Bologneser Averroisten lehrten und dachten ähnlich radikal wie ihre Pariser Vorbilder, doch keine Autorität griff zensierend ein. Magister wie Taddeo von Parma oder Matteo von Gubbio entwickelten kühne Ideen, ohne dafür verfolgt zu werden, vielmehr machten sie erfolgreiche Karrieren. Im Padua des 15. Jahrhunderts bot sich zunächst ein ähnliches Bild. Philosophen wie Nicoletto Vernia, Alessandro Achillini und Agostino Nifo erregten hier lange Zeit kaum Anstoß. 1489 untersagte Bischof Barozzi jedoch, averroistische Positionen zu lehren. 1513 schließlich bestätigte das Fünfte Laterankonzil, dass die Einheit des Intellekts nicht vertreten werden dürfte. Vernia und Nifo distanzierten sich öffentlich vom Averroismus, doch die Forschung hat gezeigt, dass sie weiterhin averroistische Ideen diskutierten, dabei jedoch beteuerten, sie nicht für wahr zu halten.

Die Schriften der lateinischen Averroisten sind relativ gut untersucht, doch selten wurde nach den rechtlichen und sozialen Bedingungen dieser intellektuellen Dynamiken gefragt. Hier setzt mein Forschungsprojekt an. Universitäten sind im Mittelalter als Korporationen organisiert, die über eigene Rechte verfügen. Am Beispiel des Bologneser Averroismus des 14. Jahrhunderts zeigt sich, dass daraus eine gewisse intellektuelle Autonomie erwuchs, solange die Macht der kirchlichen Gewalten – hier die des Bologneser Bischofs – beschränkt war. Ganz anders die Situation in Paris: Die Artesmagister standen im Konflikt mit dem Ortsbischof und den Professoren der theologischen Fakultät. Da sie selbst nicht über das Bürgerrecht verfügten und zudem ihre Pfründen in ihren Heimatregionen hatten, konnte die rechtliche Autonomie der Universität sie nicht schützen. Im Padua des späten 15. Jahrhunderts dagegen schränkten die Venezianer Stadtherren die Macht des Bischofs über die Universität massiv ein, zudem waren die Magister und Professoren eng mit der Stadtgesellschaft verbunden. Einige besaßen das Bürgerrecht in Padua oder in Nachbarstädten, viele waren reich begütert und hatten Besitzungen in der Stadt oder waren mit den Eliten verwandtschaftlich verbunden. Damit aber war es ihnen möglich, die Zugehörigkeit zu verschiedenen Rechtskreisen für sich taktisch zu nutzen, um sich Machthandeln zumindest soweit zu entziehen, dass selbst eine Verurteilung ihrer Thesen ihre Karrieren nicht nachhaltig schädigte. Zumindest solange sie sich zu – teilweise offenkundig halbherzigen – Bekenntnissen bereitfanden, die vom Ortsbischof verurteilten Thesen künftig nicht mehr als wahr zu lehren. Doch sie verzichteten keinesfalls darauf, diese – wenn auch kritisch – in ihren Vorlesungen und Schriften zu diskutieren. Der Vergleich der drei Averroismen von Paris, Bologna und Padua zeigt also, dass rechtliche Pluralität die Handlungsspielräume mittelalterlicher Gelehrter erhöhte. Wenn allerdings – wie im Fall von Paris – Angriffe auf Personen und Ideen nicht nur von außen, sondern auch aus der Universität selbst kamen, konnte es riskant werden, kühne Ideen zu entwickeln. Dann blieben nur Flucht und die Hoffnung, dass die eigenen Ideen andernorts wieder aufgegriffen würden.



Zitieren als:
de Boer, Jan-Hendryk, Wenn Magister streiten, EViR-Blog, 14.10.2026, https://www.evir.uni-muenster.blog/wenn-magister-streiten/.


Lizenz:
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